OPEN BAR

 

Mein Körper ist in einer Bar. Mein Geist ist aber unruhig und steht im Türrahmen mit bereits einem Fuß draußen in der Berliner Winterkälte. Er blickt mich ungeduldig an. „Gehen wir jetzt endlich?“, scheint er immer wieder in einem genervten Ton zu mir hinüberzurufen.

Es ist ein innerlicher Kampf zwischen der Lisa, die es gerade genießt Zeit mit ihren alten Schulfreundinnen zu verbringen und der Lisa, die gelernt hat auf ihre innere Stimme zu hören. 

 

Das Konzept von extrovertiert vs. introvertiert begleitet unser Selbstverständnis seitdem ich denken kann. Und weil ich als Kind und Jugendliche oft zu Ohren bekam, dass ich „zu laut“ oder „zu präsent“ sei, war für mich immer klar zu welchen der zwei konträren Lager ich gehöre. Müssen wir uns aber immer für ein Extrem entscheiden? Über viele Jahre musste ich nämlich lernen, dass ich nicht dafür gemacht bin konstant in einem sozialen Austausch mit Menschen zu sein. Unsere Gesellschaft stellt soziale, lebendige und kommunikative Menschen jedoch gerne über sensible, ruhige Personen. Die, die eben in die Kategorie „introvertiert“ gehören. Beziehungsweise denen Attribute zugeordnet werden, die als introvertiert gelten. Doch ich frage noch einmal: Muss es immer eines der beiden Lager sein?

 "Ich habe mit meiner Energie nur so um mich geworfen"

 

Jahre lang wollte ich immer da sein, wo das Leben spielt. Wollte keine Party verpassen, keine Zusammentreffen von Freunden absagen und jedes neue Café und Szene Restaurant der Stadt erkunden, bevor es der Mainstream entdeckte. Und wenn ich mal nicht genug Energie dafür hatte? Dann gab es zwei Möglichkeiten: a) Vorschlafen und dann sogar teilweise nachts um 4 Uhr aus dem Bett kriechen, um nicht einen bestimmen DJ zu verpassen oder b) das Gefühl haben etwas Entscheidendes verpasst zu haben. Genau so ging ich auch mit Freundschaften um. Ich war rund um die Uhr erreichbar. IMMER. Ich gab und tat und gab und tat. Ich habe mit meiner Energie nur so um mich geworfen. „Hallloooo na klar, ich bin am Start.“, war die normale Reaktion meines jüngeren Ichs. Bei mir war konstant Open Bar und jeder bekam entweder ein volles Glas mit meiner Energie in die Hand gedrückt ohne, dass er danach gefragt hatte, oder wusste zumindest, woher er einen Energy Drink bekommen würde, wenn ihm danach war. Doch ich bin einfach nicht dafür gemacht. Immer wieder gab es danach Tage an denen ich das Bett bzw. das Sofa nicht verlies und mit niemandem kommunizierte, weil ich – Überraschung – ausgebrannt war.

"Das sind die Momente, in denen ich meinen Energiespeicher auftanke. Ganz alleine für mich."

 

Ich funktioniere eben einfach nicht so. Nenne man es introvertiert oder sensibel. Was nicht bedeutet, dass ich mit schlotternden Knien in einen Raum voller fremder Menschen trete oder nicht vor großen Gruppen eine Key Note halten kann. Nein, es bedeutet einfach nur, dass ich viel Zeit für mich brauche und meine Energie besser managen muss. Je bewusster ich mir und meinen Bedürfnissen wurde, desto mehr merkte ich, dass ich mich „leer“ fühle, wenn ich nicht zumindest eine kurze Zeit am Tag ganz für mich alleine bin. Das sind die Momente, in denen ich meinen Energiespeicher auftanke. Ganz alleine für mich. Introvertiert sein bedeutet nicht ein schüchterner Underdog zu sein, nein, es bedeutet, dass man einfach anders seine Energie-Reserven auffüllt und bewusster damit umgehen muss. Und das ist völlig in Ordnung. In Gesprächen mit meinen engsten Freunden wurde mir erst bewusst, was diese strikte Zuordnung in zwei Lager eigentlich erst auslöst: ein Entfremden von den eigenen Bedürfnissen, weil man glaubt sich selbst einer Seite zugehörig zu fühlen. Oder noch schlimmer: es besser sei extrovertiert als introvertiert zu sein. Dabei gibt es auch so viele Graustufen dazwischen. 

Sicher geht es vielen so. Wir glauben mit einem Großteil der Gesellschaft mithalten zu müssen, indem wir immer tun und tun. Und eigentlich ist es für uns am besten einfach mal nur „zu sein“. Ja, an manchen Tagen lade ich auch heute noch gerne zu einer maßlosen Runde aufs Haus in meiner persönlichen Bar ein. Nur nehme ich mir ohne Scham auch die Zeit zum Auftanken, wenn ich sie brauche. Ganz ohne schlechtes Gewissen oder FOMO. Und daher saß ich an jenem Tag in der Bar circa 20 Minuten später schon alleine in meiner Badewanne.