Im luftleeren Raum – Panik oder „more Space“?


Ohne Plan Bs und Plan Cs in der Hinterhand

„Ich habe eine Entscheidung getroffen.“, habe ich heute morgen in meine Monatsreflektion geschrieben. Das klingt zunächst nach nichts Besonderem, aber dann lasse ich diesen Satz einige Sekunden so stehen. Verinnerliche ihn. Jetzt bist du dran! Lese den ersten Satz nochmal. Und dann überlege, wann du zuletzt eine solche getroffen hast. Ohne Wenn. Ohne Aber. Ohne vermeintliche Bedingungen. Und vor allem mit voller Überzeugung. Ohne Ängste und ohne Notfall-Alternativen, also ganz ohne die Plan Bs und Plan Cs in der Hinterhand. 

 

Tja, du merkst, Entscheidungen treffen ist selten eine Kleinigkeit. Mal abgesehen von den vielen kleinen Entweder-Oders über den Tag verteilt wie „Was esse ich?“ oder „Was ziehe ich an?“. Mir hat mal jemand gesagt, dass wir an einem Tag nur bis zu 20 Entscheidungen treffen können. Ob das war ist?

 

Das Gedankenexperiment: 
der (nicht immer) höfliche Nachbar

Aber ich spreche hier von den großen Entscheidungen. Die, die unser Leben verändern (können). Meistens bahnen sich diese Entscheidungen schon an und kommen eigentlich nie überraschend daher. Wie die Kälte an einem der ersten Herbsttage kriechen sie langsam von den Zehen durch die Füße und Beine durch deinen Körper, bis sie irgendwann im Kopf ankommen; in deinem Bewusstsein. Davor zeigen sich diese Entscheidungen oft in Gefühlen: Unzufriedenheit, Stress, Zweifel an einem Selbst, zu hohe Erwartungshaltungen an einen Selbst und so weiter und so fort. Denn unser „System“, wie ich es gerne nenne, also die Kombination aus unserem menschlichen Körper und Geist, ist ganz schön intelligent und direkt mit uns. Wir vergessen das nur manchmal oder ignorieren es gekonnt. Stellen wir uns das mal so vor: 

Es ist ein ganz normaler Tag in unserem kleinen aber feinen Wohnhäuschen in Irgendwostadt. Wir sitzen in unserem Arbeitszimmer im ersten Stock. Die Türe haben wir von innen abgeschlossen. Ist ja klar, wir wollen ja auch nicht gestört werden; bei was auch immer wir gerade zur Sache sind. Aber unser Nachbar hat ganz dringende und wichtige Nachrichten für uns, die er uns überbringen möchte. Zunächst klingelt er ganz höflich an der Türklingel. Diese überhören wir jedoch. Der eine von uns gewollt, der andere total unbewusst. Schon okay, denn wir wollen ja eben nicht gestört werden… . Als der Nachbar dann unten im Vorgarten vor unserem Fenster steht, und ruft und winkt, sehen wir nicht hin, denn wir sind weiterhin in unsere Arbeit vertieft. Erst als er einen Stein nimmt, gegen die Fensterscheibe wirft und diese zerbricht werden wir aufmerksam und hören hin. Doch da stehen wir schon in Scherben.

 

Und jetzt ratet mal wer in dieser Parabel von unserem Nachbarn gespielt wird? Genau unser System. Zunächst agierte der Nachbar als Unterbewusstsein, als er noch höflich und leise versuchte unsere Aufmerksamkeit zu erlangen. Er wurde in seinem Verhalten aber drastischer, weil wir eben nicht hinhören, unser Unterbewusstsein gekonnt ignorieren. Und dann manifestieren sich solche dahin geschobenen Entscheidungen, die meist Lösungen für Probleme oder der erste Schritt in eine positive Lebensrichtung sind, auch schnell mal in körperlichen Schmerzen, Angstzuständen, schlaflose Nächten und so weiter. 

 

Darin liegt die Magie: Kontrolle abgeben

Aber warum schieben wir Entscheidungen so lange vor uns hin oder sind uns ihrer Dringlichkeit erst überhaupt nicht bewusst? Die Antwort ist nicht überraschend, aber natürlich keine Antwort, die uns direkt eine Lösung mitgibt. Das wäre – wie immer - zu einfach. Die Antwort ist: Wir haben verdammt noch mal Angst. Angst vor Ungewissheit. Angst vor Unsicherheiten. Angst vor Variablen, die wir nicht vorhersagen können. Das ist menschlich. Aber hier liegt die Magie: Wir können lernen die Kontrolle abzugeben. Nicht wissen, was passieren wird und wie es weiter geht. Jedoch einen für sich bereichernden Ausblick zu manifestieren. Die Angst in etwas Positives drehen. Ein „Da will ich hin!“ aus „Das wird dann nicht mehr so sein…“ zu machen. Oder ein „Diese Möglichkeit lässt mein Herz höher schlagen“, die Gedanken bestimmen und nicht die Ängste deine innere Stimme ersticken lassen. Aber auch zu wissen, dass man keine Kontrolle über den weiteren Verlauf haben wird.

 

Ich habe gerade wieder so eine Entscheidung getroffen. Und glaubt mir, auch ich habe meinem System lange genug nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die es verdient gehabt hätte. Ich habe es zwar nicht ignoriert, aber ihm einfach nicht geantwortet. Ich habe es draußen vor der verschlossenen Türe stehen lassen, bis ich bereit war für eine Konversation. Und jetzt wo ich die Entscheidung getroffen habe? Habe ich Angst? Natürlich! Aber vielmehr fühle ich mich richtig gut. Ich freue mich, auf alles, was kommt und auch all dies mit der Welt zu teilen.

Denn mit Altem zu brechen und sich gegen die Sicherheit zu entscheiden, katapultiert einen zwar in einen luftleeren Raum der Unsicherheiten, aber genau da haben wir Raum zu träumen, zu manifestieren und vor allem die Kapazität Neues zu kreieren.