Von Ecken und Kanten


Man glaubt es kaum: Ich habe mir vor ein paar Tagen ein Limit in der Bildschirmzeit Option meines Smartphones eingestellt. Eine Stunde pro Tag für Instagram. „Das sollte machbar sein…“, dachte ich mir. Die Statistik zeigte nämlich, dass ich über die vergangene Woche fast einen Tag, also 24 Stunden, auf besagter App verbracht hatte. Wow, das ist selbst inklusive Recherche-Arbeit eindeutig zu viel. Seitdem beobachte ich die standardisierten Bewegungen meines Daumens genauer. Manche Auf-und-Ab-Bewegungen sind inzwischen so mechanisch wie das Rechts-und-Links-Gewische, für das Tinder bekannt wurde. Die Dating-App wurde allerdings bereits nach kürzester Zeit von meinem Iphone verbannt. Daher sind es andere Bewegungsabläufe, die mir Sorgen machen. Denn ich erwischte mich dabei, wie eines dieser antrainierten Muster, die mein Daumen über das Display zeichnet, folgendes ist: Instagram auf, ein paar mal Mal nach unten scrollen, Suchfunktion, der Anfangsbuchstabe seines Namens, ein Klick auf das Profil. In der Hoffnung Antworten zu finden, die ich nie bekommen habe. 

"Denn ist Intimität nicht genau das?"


Aber alles, was ich sehe sind angeschnittene Bauten des grauen Berlins. Von Brutalismus bis Bauhaus ist alles dabei. Beton, Glas und viel versmogter Himmel. Aber keine Antworten. Dafür viele Ecken und Kanten. Ecken und Kanten, die er selbst nicht besitzt. Beziehungsweise die er über Jahre hinweg abgeschliffen und abgerundet hat, bis ein Selbstbild geschaffen war, das keine Makel zulässt. Über Wochen habe ich mich auf die Suche gemacht nach spitzen Ecken und rauen Kanten in seiner Persönlichkeit. Denn ist Intimität nicht genau das? 
Die Ecken und Kanten des Gegenübers kennen und vielleicht lieben zu lernen? 
Er hat mir dies nicht leicht gemacht. Denn immerhin ist er der Meinung, dass seine glatte Oberfläche so viel schöner sei. Oder ist diese kantenlose Erscheinung nur ein Schutzanzug, 
den er sich irgendwann einmal übergezogen hat wie eine zweite Haut?

 

Um ihm näher zu kommen habe ich meine Ecken und Kanten offengelegt. Habe sie in grelle Farben gehüllt, mit Störern versehen und stolz präsentiert. „Meine größte Schwäche? Um Hilfe zu fragen und mich verletzlich zu zeigen“ - hier nimm! „Laufen gehen? Klar, aber nur innerhalb meiner Comfort Zone. Ich war schon immer eher unsportlich und tollpatschig sowieso“ - schau wie ich’s dir vormache! Und doch kam so wenig zurück. Ich habe tiefer gestapelt als nötig, habe mich unter Wert verkauft und er blieb stets bei seinem für sich festgelegten Idealpreis. Wie hätten wir uns da je in der Mitte treffen sollen? Auf einem Bazar wäre zwischen uns nie ein Handel zustande gekommen.

"Wahre Intimität entsteht nur dann, wenn wir ein Gegenüber finden, dem wir unsere Ecken und Kanten anvertrauen können."

 

Ich habe versucht ein sicheres Umfeld für ihn zu schaffen, in dem er endlich authentisch sein kann. Leider kam es dazu nur in ganz wenigen kleinen Momenten. Eine seiner Ecken entdeckte ich durch Zufall. Ich erhörte sie, als mein Ohr auf seiner Brust lag. Eine kleine Unregelmäßigkeit im Herzklopfen, auf die er überrumpelt reagierte und vielleicht mehr preisgab als er wollte. 
So wirklich intim waren wir wohl nur in diesen kleinen Momenten, die selten aber echt waren. Aber sehnt sich nicht jeder Mensch danach seine Ecken und Kanten offen zeigen und leben zu können? Authentisch zu leben; sich seinem Selbst bewusst sein mit all den Makeln und Schwächen, die es mit sich bringt? Man muss diese ja nicht jedem direkt auf die Nase binden, aber wahre Intimität entsteht nur dann, wenn wir ein Gegenüber finden, dem wir unsere Ecken und Kanten anvertrauen können. Trotz ihnen oder gar für sie geliebt zu werden, das muss das Ziel sein. Nicht das Abschleifen von Kanten. Vielleicht ist sein Instagram Profil deswegen gefüllt mit kantigen Architektur-Inspirationen. Vielleicht ist es eine unbewusste Darstellung seines authentischen Ichs, das er so gut zu verstecken weiß. 

 

Authentisch zu leben ist gar nicht so einfach. Das erfahre ich immer wieder am eigenen Leib. Es braucht Mut und eine ordentliche Portion Selbstreflexion. Denn wie soll ich authentisch sein, wenn ich selbst nicht weiß, wer ich bin? Drum halte inne, entdecke dich selbst, beobachte dich, akzeptiere, nehme wahr und lebe dich


„When the mind is silent and the heart is singing without any fear but with joy,
you will be ready to be intimate”
  - Osho